Szenario "Ohneeinander": "Nicht einmal die Sonne teilen wir"

Autoren: Maria, Danye und andere


So hat sich die deutsche Gesellschaft bis zum Jahr 2037 entwickelt...

Im Jahre 2037 leben Zugewanderte und Einheimische in getrennten, von Grund auf verschiedenen Welten. Der Staat zieht sich zurück, die Geflüchteten werden sich selbst überlassen, Ghettoisierung und Segregation sind die Folgen. Flüchtlinge leben in einer Unterwelt, haben kaum Kontakt zur Außenwelt, Kriminalität, Armut und Orientierungslosigkeit gehören zum Alltag. Während die deutsche Bevölkerung alternativ und zurückgezogen in modernen Städten lebt, müssen Flüchtlinge in großen Fabriken arbeiten und so ihr Überleben sichern. Um wertvolle Ressourcen und Zeit zu sparen, werden ihnen von den Arbeitgebern Kalorienspritzen verabreicht, die Arbeitstüchtigkeit garantieren. Die Medien verbreiten Angst und Ablehnung gegenüber Migranten; diese negative Stimmung wird durch die strikte Trennung von Deutschen und Nicht-Deutschen erfolgreich gestärkt. Flüchtlinge sind für die deutsche Bevölkerung nicht existent – nur in den Medien; diese strikte Trennung wird nie angesprochen und gilt als Tabu-Thema. Trotzdem wissen eigentlich alle davon. 

Jeder Deutsche erhält kostenlose Güter, die für das Leben notwendig sind. Durch freiwillige Arbeit kann sich jeder Deutsche allerdings zusätzliche Luxusgüter erwerben, beispielsweise spezielle Roboter, technische Innovationen und ähnliche fortschrittliche Gegenstände. Angst vor Migranten und angenehmer Wohlstand sorgen für Zusammenhalt und Gemeinschaftsgefühl in der deutschen Bevölkerung. Trotz Ausbeutungspolitik und Abgrenzung gegenüber Flüchtlingen gibt es Parteien wie die PDE, Partei der Einheit, welche sich gegen die Segregation und für Dialog und Integration einsetzt. Solche Tendenzen sind jedoch klar in der Minderheit. Auch innerhalb der Migranten-Community gibt es Widerstandsbewegungen gegen die bestehenden Verhältnisse, diese Proteste sind allerdings kurzlebig und erfolglos.


Eine Szene, die sich im Jahr 2037 zugetragen hat...

Freundin 1: Danke für die Einladung, Leute! Oh hey, sind das nicht diese neuen Fußmassage-Roboter? Wie lange musstet Ihr dafür schuften?

Freundin 2: Ach, nur drei Stunden oder so. Leg Dich zu uns und lass die Seele baumeln.

Freundin 3: Kommt nachher einer noch mit zur Großen Halle? Ich muss noch meinen Vitamin D-Wallnuss-Smoothie holen. Da sind diese neuen Bakterien drin, die das Haarwachstum anregen.

Freundin 2: Schon cool, dass die das in die Nahrung einbringen. So was gab es in meiner Kindheit noch nicht. 

Freundin 1: Hmm… Habt ihr kein schlechtes Gewissen? Ihr wisst schon… Da muss doch jemand dafür arbeiten!

Freundin 3: Ach, sei doch einfach froh, dass es so was gibt. Denk nicht weiter daran, das zerstört voll die Atmosphäre. Ist auch nicht gut für den Blutdruck und so. Lass uns das Thema wechseln... Hey, den kennen wir doch!

Freundin 4: (kommt rein) Habt Ihr schon von der Partei der Einheit gehört? Die wollen wieder eine Demo machen. Ist bestimmt sinnlos, da kommt ja eh keiner. 

Freundin 2: Die müssen sich gar keine Hoffnungen machen. 

Freundin 4: Ich bestell mir erstmal eine Brokkoli-Ecke. Ist glutenfrei, oder?

Freundin 1: Ist mittlerweile Standard.

Kellner: (kommt rein) Ihre Bestellung bitte! Ach Leute, schön dass Ihr hier seid! 

Freundin 3: Warum zur Hölle gehst Du arbeiten? Wir kriegen doch alles, was wir brauchen. Was will man mehr?

Kellner: Ja, ich will mir diesen neuen Robo X300 holen. Ist wie ein Dienstmädchen, macht den ganzen Haushalt. 

Freundin 1: Wie lange musst du dafür arbeiten?

Kellner: Hab schon 32 Stunden, muss nur noch 4.

Freundin 2: Na, das lohnt sich ja!

Freundin 4: Also für mich wäre das nichts.

Freundin 3: Ach, übrigens muss ich Euch etwas erzählen: Letztens ist meine Tochter in den Keller gegangen, um etwas zu trinken zu holen. Plötzlich hat sie von unten jemanden schreien gehört. Ich wusste gar nicht, wie ich ihr das erklären sollte. 

Freundin 2: Was hast Du gesagt?

Freundin 3: Na, ich weiß ja auch nicht, was da unten vor sich geht. 

Freundin 4: Na, DIE arbeiten für uns.

Kellner: Und DIE müssen wir auf jeden Fall unter Kontrolle behalten!

Freundin 3: Das Einzige, was wir wissen müssen, ist, dass es uns guttut! 


Zur selben Zeit unter der Erde, jenseits von Sonnenlicht und Wohlstand… 

Vater: Hat jemand von euch meinen Übersetzer-Ohrstöpsel gesehen? Sonst verstehe ich nachher die Anweisungen vom Boss nicht. 

große Schwester: Papa, wieso musst Du denn schon wieder los?

Vater: Na was denn sonst?! Von irgendwas müssen wir ja leben.

Mutter: Hier Schatz, ich habe sie mir vorhin kurz ausgeliehen, ich habe meine nicht gefunden. 

Vater: BIST DU BESCHEUERT?!

Mutter: Beruhige Dich! Ich habe sie in der Fabrik gebraucht. Ich frage einfach nach neuen.

große Schwester: Kein Wunder, dass Papa so schnell sauer wird. Hier UNTEN wird man ja depressiv. Ich weiß schon gar nicht mehr, wie’s OBEN aussieht. 

kleine Schwester: OBEN? Was ist OBEN? Gibt es mehr auf dieser Welt, als das hier?

Mutter: Hier, ein Foto von früher kleine Schwester: Was ist dieser helle Punkt da?

große Schwester: Das kannst Du nicht wissen, Du warst noch nie OBEN. 

Vater: Das ist die Sonne, vielleicht wirst Du sie irgendwann sehen.

Mutter: Es ist schon 24!! (neue Uhrzeit) Wir müssen zur Arbeit! Beeilung!

Vater: Du passt auf Deine kleine Schwester auf, bis wir wieder da sind. (nickt großer Schwester zu und geht mit der Mutter ab)

kleine Schwester: Ich würde so gerne die Sonne sehen…

große Schwester: Das können wir nicht. Sei froh, dass wir wenigstens hier leben dürfen. Hier zu leben, ist die einzige Möglichkeit, sonst müssten wir in den Krieg zurück nach Hause – und sterben.